Der Clan der Kinder – Roberto Saviano

Der Leser begleitet Nicolas auf seinem Weg zusammen mit seinen Freunden eine Paranza, also eine kriminelle Organisation bestehend aus Kindern zu gründen. Schohnungslos zeigt uns Roberto Saviano mit welchen Mitteln dieser intelligente Junge vom kleinen Drogendealern zu einem Boss werden will.

Wochen habe ich gebraucht um diesen Roman zu lesen. Gefesselt hat es mich von der ersten Seite an, doch hat es mich in seiner Schrecklichkeit völlig überfordert. Das Wissen um den Autor – Roberto Saviano – verschiebt die Wahrnehmung während des Lesens, weg von der Fiktion hin zur realistischen Bestandsaufnahme.

Anfangs war es die Alternativlosigkeit dieser Kinder, die mich getroffen hat. Die Selbstverständlichkeit mit der wir wissen, dass wir nach der Schule eine Ausbildung oder ein Studium machen können und daraufhin einen Beruf ergreifen werden, ist für diese Kinder etwas völlig Unbekanntes. Ihnen präsentiert sich als Alternative zur kriminellen Karriere nur die Arbeitslosigkeit, maximal das harte Schuften ohne dadurch über die Runden zu kommen. Während wir uns erst über unsere Zukunft erst Gedanken machen (müssen), wenn es darum geht Entscheidungen zu treffen, ist ihnen ihre Aussichtslosigkeit von klein auf bewusst.

Roberto Saviano zeichnet das Bild von Kindern, die wahrscheinlich nie welche waren. Und trotz aller Scheußlichkeiten und all der unverzeihlichen Taten dieser Paranza, die sich immer weiter steigern und einem ständig erneut schlecht werden lassen und schrecklicher sind als alles, was ich mir vorher vorstellen konnte geschieht hier etwas beunruhigendes: Nicolas und seine Freunde sind mir nie unsympathisch geworden. Selten wühlen mich Bücher derartig auf und lassen mich mit so vielen Fragen und Denkanstößen zurück.

Der Bürgermeister von Neapel, Luigi de Magistris, und wohl auch viele andere, haben den Autor stark für das schlechte Licht, dass er auf die Stadt wirft kritisiert, ihm Übertreibung vorgeworfen um sich durch dramatische Geschichten bereichern zu können. Bei mir jedoch hat er Verständnis für jene Italiener hervorgerufen, auf die wir sonst so leicht kopfschüttelnd, wenn nicht sogar verächtlich, blicken. Wir sehen nur die erwachsenen Täter, die Struktur der sich nicht ausreichend widersetzt wird, die Korruption der kein Einhalt geboten wird. Aber würden wir uns anders verhalten? Kinder, auf die ich früher aufgepasst habe, sind heute junge Erwachsene. Wäre ich in der Lage ihr Verhalten objektiv zu beurteilen, wo es mir schwer fällt ihnen nicht mehr die Haare zu verwuscheln und Kekse zuzustecken? Wenn wir die Erfahrung gemacht hätten, dass unsere logischen Reaktionen nichts bringen, also wenn wir so lange Mathe mit ihnen lernen würden, bis sie den besten Abschluss der Welt machen könnten, die Bewerbungen danach für sie schreiben würden und sie dennoch keine Chance hätten? Und gehen wir noch einen Schritt weiter: wie viele Jugendliche glauben auch bei uns bereits, dass ihnen jede Teilhabe verwehrt bleiben wird, sei es wegen ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder einfach, weil sie keine Gegenbeispiele mehr persönlich kennen?

„Der Clan der Kinder“ hat mir sehr viele Denkanstöße gegeben um unsere Gesellschaft und auch mich selbst zu hinterfragen und ich hoffe, dass es bei vielen anderen Lesern den gleichen Nachhall finden wird.

Klare Leseempfehlung und *****

Ein Kommentar bei „Der Clan der Kinder – Roberto Saviano“

  1. […] in die Hände fallen, so lest bitte in jedem Fall vorher „la paranza die bambini“ bzw. „der Clan der Kinder“. Ohne Überleitung macht dieses Buch da weiter, wo sein Vorgänger aufgehört hat. Dessen Ende […]

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