Alle, außer mir – Francesca Melandri

(Kostenlose Werbung) Ich muss an dieser Stelle einfach mal DANKE sagen! „Alle, außer mir“ war ein Geburtstagsgeschenk, dem ich mich eindeutig viel zu spät gewidmet habe.

2010, Gaddafi kommt nach Rom und Ilaria trifft vor ihrer Haustür auf Shimeta Ietmgeta Attillaprofeti, der behauptet ihr Neffe zu sein, Sohn des unehelichen Kindes ihres Vaters, der während der italienischen Besatzung in Äthiopien gezeugt wurde.

Durch Ilaria und ihren Vater Atillio Profeti lernen wir Italien in verschiedenen Momenten seiner neueren Geschichte kennen: Wir erfahren erschreckendes über den Italienisch-Äthiopischen Krieg, die italienische Besatzung, die selbstverständliche Korruption der Nachkriegsjahre, italienische „Entwicklungshilfe“ und über Berlusconis Regierungszeit.

Von der ersten Seite an hat mich dieses Buch tief berührt. Aus jeder Zeile spricht eine tiefe Liebe zu Rom, denn es ist nicht einfach eine Abrechnung mit einem Land und seiner Geschichte, sondern arbeitet die Widersprüchlichkeit der möglichen Emotionen hervorragend heraus – eine Situation, die uns Deutschen häufig nicht unbekannt ist.

Selten habe ich ein Buch gelesen, bei dem ich derart viel gelernt habe ohne mich belehrt zu fühlen. Selten habe ich ein Buch gelesen, dass mich derart aufgewühlt hat, ohne dass es mich zum Weinen gebracht hat und noch seltener habe ich ein Buch gelesen, dass derart viel Hochachtung vor der Autorin in mir ausgelöst hat.

Zwischendrin habe ich mir gewünscht, Francesca Melandri hätte ihr unglaubliches Wissen in mehrere Bücher verteilt. Immer wieder musste ich das Buch zur Seite lesen und googeln, ob die gegebenen Informationen den Tatsachen entsprechen (und feststellen, dass die Zeiten, in denen Google eine gute Wissensquelle war, wohl langsam vorbei sind). Ich war erleichtert, wenn Dinge erwähnt wurden, die mir bereits bekannt waren aber dennoch muss ich jetzt sagen: all die erschreckenden Themen gehören zusammen und mussten in Verbindung gesetzt werden! Dank dem sehr distanzierten Schreibstil, der seine Schönheit den vielen verwendeten Metaphern verdankt, ist es Francesca Melandri gelungen, mich nicht mit Emotionen zu überladen, sondern Zeit und Raum für meine eigenen Reflektionen zu lassen.

In vielen Rezensionen habe ich gelesen, dass Ilaria als unsympathisch empfunden wurde. Dem kann ich mich nicht anschließen. Für mich ist sie eine Frau auf der Suche nach ihrer Identität, gefangen zwischen der Liebe zu ihrem Vater und ihrer großen Liebe und dem Wunsch einen Kontrast zu all dem zu setzen, wofür diese beiden Männer stehen. Für mich ist sie eine Frau, die sehr darunter leidet, die Augen nicht verschließen zu können. Ach, am besten ihr lest das Buch einfach! Ich kann es wirklich nur jedem empfehlen!

Schreibe einen Kommentar